Das Geheimnis des Glaubens

Obgleich die Bibel kein Geheimbuch für nur wenige Eingeweihte ist, sondern die Gabe der Offenbarung Gottes an alle Menschen, so ist sie doch voller Geheimnisse, die sich nur dem biblisch Glaubenden erschließen; denn „das Geheimnis des Herrn ist für die, die ihn fürchten, und seinen Bund läßt er sie wissen“ (Ps. 25, 14). Alle Geheimnisse der Bibel aber gipfeln in dem einen „anerkannt großen Geheimnis der Gottseligkeit: Gott ist geoffenbart im Fleisch, gerechtfertigt im Geiste, erschienen den Engeln, gepredigt unter den Völkern, geglaubt in der Welt, aufgenommen in die Herrlichkeit“ (1. Tim. 3, 16). In der glaubensvollen Annahme dieses anerkannt großen Geheimnisses der Gottseligkeit gipfelt auch der Glaube selber, von dem in der ganzen Heiligen Schrift die Rede ist. Und im Rahmen des großen Geheimnisses der Gottseligkeit wird der Glaube selber zum Geheimnis. Geheim an ihm ist sein Ursprung, nämlich seine Entstehung im Menschenherzen, geheim verlaufen seine Wirkung und Vollendung (1. Kor. 2, 11; Phil. 2, 13; Hebr. 12, 2; Phil. 1, 6; Kol. 3, 3; Jak. 2, 22; 1. Joh. 3, 2). Darum bedarf das Geheimnis des Glaubens selber der Enthüllung und Darstellung, was freilich immer unzulänglich bleiben wird; denn nur das Erleben des Glaubens bringt die Erfahrung des Glaubens und damit die Enthüllung des Glaubensgeheimnisses. – Indes gibt uns aber die Bibel selber mancherlei Aufklärung über das Geheimnis des Glaubens, damit die bereits Gläubigen die Kostbarkeit ihres Glaubens (2. Petr. 1, 1) recht werten und verwerten lernen sollen. Auch sollen die Schwachen im Glauben und die Kranken am Glauben (Röm. 14, 1; 1. Kor. 9, 22; 1. Thess. 5, 14 und 3, 10; Tit. 1, 13) durch die Unterweisung im Geheimnis des Glaubens gestärkt, befestigt und gesund werden. Und da sei es gleich gesagt: So wie alle Verfehlungen der Kinder Gottes Verfehlungen am Wort Gottes, nämlich mangelnde Schrifterfüllung sind, so ist jede Unzulänglichkeit der Gläubigen zurückzuführen auf mangelnden Glauben. Wie wir zum Worte Gottes stehen, so stehen wir im Glauben. Was uns an Schriftgrund fehlt, fehlt uns an Glaubensgrund. Was uns an Schriftgebrauch fehlt, fehlt uns auch an Glaubensbestätigung. Das Geheimnis des Glaubens deckt sich mit dem Geheimnis Gott es und Christi (Kol. 2, 2 u. 4, 3; Off. 10, 7) im ganzen Bibelbuch.

„Der Glaube“, sagt der Apostel Paulus, „kommt aus der Predigt, die Predigt aber durch Gottes Wort“ (Röm. 10, 17). Biblischer Glaube erwächst allein aus der Bibel. Der Allerwelts-, Straßen-, und Gassenglaube, nämlich das geläufige menschliche Wähnen und Meinen, ist der eine große Gegensatz zum biblischen Glauben und birgt kein anderes Geheimnis in sich als das der Gesetzlosigkeit (2. Thess. 2, 7), weil er auf Übertretung und Irrtum beruht. Willst du biblisch glauben lernen, so muß dir irgendwie das Geheimnis Gottes und Christi als das Geheimnis des Königreichs der Himmel (Mat. 13, 11) durchs Bibelwort nahegebracht werden, sonst kann dir das Geheimnis des Glaubens nie geoffenbart noch zuteil werden. Gott verbirgt Seine Geheimnisse in Seinem Wort. Die Bibel ist Gottes weisheitsvolles Planwerk, voll des innigsten, aber oft verborgen weiterlaufenden Zusammenhangs, voll der unwandelbarsten Einheitlichkeit bei aller scheinbaren Gegensätzlichkeit. Sie ist wie ein teils ober-, teils unterirdisch verlaufendes Bauwerk, dessen Gänge und Kammern angefüllt sind mit den Schätzen der Weisheit und Erkenntnis Gottes. Aber alle diese Reichtümer hebt nur der, dem das Geheimnis des Glaubens enthüllt ist. Soll es sich dir enthüllen, so ist dies das Erste und das Letzte:

Unterwirf dich der Führung durch die Heilige Schrift! Sie selbst und nichts anderes kann dich sicher hineinführen in das Geheimnis des Glaubens. Höre sorgfältig auf ihr Wort. Betrachte jeden Satz als eine Meisterrede, die dir, dem Lehrling, gilt. Beuge dich willig ihrer Unterweisung, Überführung und Züchtigung. Denke immer: die Heilige Schrift weiß mehr als ich. Ich will mich ihr mit Hingebung nahen und ihr immer mehr zutrauend mein Ohr leihen. Damit näherst du dich bereits der Schwelle des Glaubensgeheimnisses. Immer mehr wirst du Gottes Stimme im Worte Gottes erkennen und ihren Inhalt immer williger in dich aufnehmen. Das ist der Anfang des schriftgemäßen Glaubens; denn Glauben heißt: Gott recht geben, auf Grund Seines Wortes! Glauben heißt: Gott in seinem Wort erkennen und sein Wort nehmen wie ihn selber und ihn selber wie sein Wort. Also Gott beim Wort nehmen, das heißt glauben.

Aber wo steckt da das Geheimnis? Höre, das ureigentliche Geheimnis des Glaubens steckt in der Ichverneinung des Glaubenden.

Das laßt uns jetzt recht erkennen; denn davon hängt alles weitere ab, und nichts lernt der Mensch langsamer als dieses! Höre: Wer Gott aufgrund des Wortes Gottes recht geben will, muß nämlich sich selber unrecht geben. Wer anfangen will, Gott zu glauben, muß aufhören, sich selber zu glauben. Wer Gott zusagen will, muß sich selber absagen. Wer Gott vertrauen will, muß sich selber mißtrauen. Wer Gottes Weisheit und Wesen gewinnen will, muß die eigene Weisheit und das eigene Wesen verlieren.

Aber warum dies alles? Weil Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken und unsere Wege nicht seine Wege sind! Sondern so viel der Himmel höher als die Erde ist, so sind Gottes Wege höher als unsere Wege und seine Gedanken höher als unsere Gedanken (Jes. 55, 8.9). Nun aber sind die himmelhoch das menschliche Denken überragenden Gedanken Gottes durch die Offenbarung Gottes in der Heiligen Schrift zu uns auf die Erde gekommen und uns durch auserwählte Werkzeuge Gottes kundgemacht worden (Hebr. 1, 1.2; 2. Petr. 1, 21). Und damit ist die Bibel das wunderseltsame Buch geworden, das uns in die himmelhohen Gedanken der heimlichen, verborgenen Weisheit Gottes (1. Kor. 2, 7) und in die Wege Gottes einführen will, um uns zu befähigen, biblisch-göttlich denken und handeln zu lernen. Dabei sollen wir unsere erdenniedrigen Menschengedanken gegen Gottes hohe Himmelsgedanken vertauschen und unsere irdischen, irrenden Menschenwege gegen Gottes ewige Wahrheits- und Heilswege aufgeben lernen. Das führt aber zu ganz gewaltigen Zusammenstößen. Denn der Mensch ist bis in die Wurzeln seines adamitischen Wesens verankert im allgemeinen und eigenen menschlichen Denken und will und kann es nicht fassen, daß dies Denken ein gottfernes, weil von Gott entfremdetes und also vor Gott unzulängliches Denken sein soll. Um jeden Preis möchte er die Menschenweisheit als bereits göttliche Weisheit hinstellen und mit ihr den Himmel ersteigen, und um keinen Preis möchte er einsehen, daß die Maßstäbe seiner irdischen Denkgesetze weder zur Selbsterkenntnis noch zur Gotteserkenntnis ausreichen. So ist dem Menschen nichts natürlicher als der Glaube an sich selbst und der Zweifel an der Heiligen Schrift, die seinem Denken geradezu ins Gesicht schlägt. Wie sollte er ohne weiteres glauben können? Ja, zu einem Glauben an einen „unbekannten Gott“, den das für Gott geschaffene Herz tastend ahnt und der bei gutem Willen schließlich noch aus seinen Werken in der Natur zu ersehen ist, reicht der menschliche Gedanke noch aus, aber der biblische Glaube scheint ihm unannehmbar, und sein Geheimnis erledigt man am liebsten als Torheit und Ärgernis (1. Kor. 1, 18.23 und Kap. 2).

Aus dem Buch von Fritz Binde,“das Geheimnis des Glaubens“

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